Anja Mellies

Autorin
 




Paperback

ISBN-13: 978-3938295946

14,90 €

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Leseprobe

Es war Montagmorgen, noch nicht einmal zehn Uhr als es an der Tür läutete. Selbst unter normalen Bedingungen nicht seine Zeit, und heute schon gar nicht, genervt zog er die Decke über den Kopf und drehte sich auf die andere Seite. Er wollte niemanden sehen und mit niemanden reden. Und aufstehen - das wollte er schon gar nicht.

Wieder klingelte es, dieses Mal mit etwas mehr Ausdauer.

„Ist ja schon gut!“ Ärgerlich schob er die Decke an das Fußende seines Bettes. „Ist ja schon gut, ich komme ja schon!“ Er rief laut, aber wie es schien nicht laut genug. Der Beweis folgte in dem Moment, als seine Füße den Boden berührten. Aus Richtung Wohnungstür hörte er ein Klopfen, und ein leises aber bestimmendes „Hallo Herr Rosenberg, sind Sie da?“

Verschlafen warf Mikael sich den Morgenmantel über und machte sich gähnend auf den Weg ins Badezimmer.

 „Ja, Ja. Einen Moment, ich bin ja gleich da.“

 

Es war der fünfzehnte Februar, und Mikael Rosenbaum hatte eine verdammt Sch… Nacht hinter sich, eine von diesen Nächten, die das Bett zu deinem besten Freund machten. Nachdem er seinem morgendlichen Drang Folge geleistet hatte, ging er langsam in Richtung Küche. Noch konnte er keinen klaren Gedanken fassen, was er jetzt ganz dringend brauchte war ein Kaffee. Um seiner Müdigkeit Herr zu werden, kamen heute sechs anstelle der üblichen vier Löffel Kaffeepulver in die Maschine. Und als er die Maschine endlich zum Laufen gebracht hatte, machte er sich auch schon auf den Weg zur Haustür.

Eigentlich sollte der gestrige Abend etwas ganz besonderes werden, aber wie so oft hatte er es wieder einmal voll vergeigt. Sylvia, seine damalige Freundin, hatte in der letzten Zeit immer wieder Stress gemacht. „Sie wäre unzufrieden mit der derzeitigen Situation“, hatte sie ihm immer wieder vorgehalten, und „Er sollte endlich anfangen, Verantwortung zu übernehmen.“ Sie waren fast zehn Jahre zusammen und sie war der Meinung, ihre Beziehung müsste endlich eine neue Ebene erreichen. Dass es an der Zeit war, zu heiraten, Kinder zu bekommen und endlich eine eigene Familie zu gründen. „Ich werde nicht jünger“, hatte sie zu ihm gesagt. Er selbst sah eigentlich keinen Grund etwas zu ändern, so wie momentan alles lief, fand er, lief es ganz gut.

Aber dann, als hätten sie sich abgesprochen, kam auch noch seine Mutter zu Besuch. Sie war ganz aus dem Häuschen und natürlich auf Sylvias Seite. „Eine Hochzeit ist schon längst überfällig“, hatte sie ihm in den Ohren gelegen. „Ihr seid jetzt schon so lange zusammen, es ändert sich doch nichts.“

„Wenn sich sowieso nichts ändert, wieso sollen wir denn heiraten?“ Kaum hatte er diese Frage gestellt, bereute er es auch schon, denn jetzt war seine Mutter in ihrem Element. Sie zählte unzählige Folgen einer Hochzeit auf (natürlich nur die positiven).

„Ich dachte es ändert sich nichts, nun auf einmal ändert sich alles. Wieso soll man etwas verändern, was bereits perfekt ist?“, versuchte er dagegenzuhalten, aber seine Mutter gab nicht auf. Sie und sein Vater waren bereits seit über vierzig Jahren verheiratet. Eine Hochzeit aus reiner Liebe, wie seine Mutter immer wieder betonte, dass sie mit ihm im dritten Monat schwanger war und es sich damals nicht ziemte unverheiratet schwanger zu sein, hatte nichts mit der Hochzeit zu tun gehabt, egal was die Großeltern erzählen. Mittlerweile war seine Mutter Rentnerin mit viel zu viel Freizeit und viel zu wenig Hobbys. Sie verbrachte fast zwei Wochen bei ihm, und hätte sein Vater nicht angerufen, hätte sie garantiert noch welche drangehängt. Aber auch diese zwei Wochen haben gereicht, sie hatte es geschafft, als sie am Sonntagabend ihre Koffer packte war er soweit, er wollte Sylvia einen Heiratsantrag machen. Er wollte ihr einen Verlobungsring kaufen, einen Tisch im Cox bestellen und ihr dort den Heiratsantrag machen, genauso hatte er es sich vorgestellt. Vor einer Woche hatte er es dann auch in Angriff genommen. Den Ring besorgte er bei einem befreundeten Juwelier, ein wirklich schönes Stück und gar nicht mal so billig. Und dann, dann wollte er sich um den Tisch im Cox kümmern. Ein Tisch für den vierzehnten Februar sollte es sein. Sylvias dreißigster Geburtstag, und da sie ihn sowieso mit Jutta, ihrer besten Freundin, und deren Ehemann Ben im Cox feiern wollte, war es ihn nur recht, so schlug er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein gutes Restaurant, welches er ohnehin buchen sollte, und die Verlobung war auch gleich das passende Geburtstagsgeschenk.

Er machte sich also auf den Weg zum Cox, musste aber feststellen, dass es für den vierzehnten Februar bereits vollkommen ausgebucht war. „Da hätten Sie schon vor zwei oder noch besser vor drei Wochen buchen müssen“, hatte die Dame an der Rezeption gesagt, „Am vierzehnten ist Valentinstag und die Idee mit dem Heiratsantrag, den hatten noch vier andere Männer. Die waren aber immerhin so schlau gewesen, und hatten ihre Tische bereits vor Monaten bestellt.“

Woher sollte er das denn wissen? Aber alles Bitten und Flehen half nichts, und als er dem Service hundert Euro für die Portokasse anbot, brachte man ihn höflich aber bestimmend zur Tür. Er verbrachte noch den ganzen Nachmittag damit, die Restaurants der Stadt abzuklappern, aber irgendwie hatten sich alle gegen ihn verschworen, die angesagtesten Restaurants waren bereits ausgebucht. „Was soll´s, gehen wir eben wieder zum Italiener um die Ecke, da weiß ich wenigstens, dass es schmeckt“, für ihn war die Sache damit erledigt.

Ja, und gestern war es denn so weit, der vierzehnte Februar. Sylvias dreizigster Geburtstag, und der Tag, der seine Beziehung auf eine „höhere Ebene“ bringen sollte. Jutta und Ben waren früh gekommen, sie hatten sich extra in Schale geschmissen, und auch Sylvia sah einfach umwerfend aus. Sie trug ein schwarzes, knielanges Seidenkleid, das die Reize ihrer Figur voll zur Geltung brachte. Wären sie nicht sowieso schon zusammen, er hätte alles angestellt, um ein Date mit ihr zu bekommen.

Notgedrungen hatte auch er sich in einen schwarzen Anzug gezwängt; wirklich wohl fühlte er sich so verkleidet nicht, Jeans und T-Shirt wären ihn lieber gewesen, aber seine zukünftige Frau hatte darauf bestanden. Ja,… und da standen sie nun im Flur seiner Wohnung und machten sich zum Gehen fertig.

„Zu wann hast du den Tisch bestellt?“

Gott sei Dank waren Jutta und Ben schon da, dann wird sie bestimmt nicht ganz so heftig ausflippen, hatte er gehofft. „Nun hab es doch nicht so eilig, der Abend ist doch noch jung.“ Er hatte ja noch einen Trumpf im Ärmel, die Verlobung. Die Verlobung würde Sylvia bestimmt wieder gnädig stimmen. So hatte er es sich gedacht, aber Pustekuchen.

„Mikael, zu wann hast du den Tisch bestellt?“ Sylvias Stimme wurde immer lauter, und klang schon fast drohend. „Ist es nicht egal, wohin wir gehen? Hauptsache ist doch, dass wir zusammen sind und einen schönen Abend haben“, versuchte er sie zu beruhigen, er ging einen Schritt auf sie zu, sie aber wich zurück. 

„Mikael, ich warne dich. Wenn du DAS auch wieder vermasselt hast, glaube mir, dann gehe ich“, schrie sie ihn an.

„Es tut mir leid, aber die Restaurants sind schon seit langem ausgebucht, ich habe wirklich ALLES versucht“, war doch auch so, was sollte er machen?

„Warum glaubst du, habe ich dich schon vor Monaten darum gebeten, einen Tisch im Cox zu bestellen? Aber es ist jedesmal das gleiche, man kann sich einfach nicht auf dich verlassen.“ Noch im Satz drehte sie sich um, nahm ihren Mantel, warf ihn sich zornig über, griff ihre Handtasche und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, drehten sich ebenfalls Jutta und Ben um und folgten ihr. Aber nicht ohne das Jutta ihren Senf dazugab. „Werd endlich erwachsen Mikael!“ Und die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.

Es war nicht einmal halb acht gewesen, als Sylvia, Jutta und Ben ihn wie einen Depp im Flur stehen gelassen hatten.

Den ganzen Abend hatte er versucht, sie übers Handy zu erreichen, aber sie nahm nicht ab. Irgendwann, es war schon weit nach Mitternacht hatte er endlich Glück, aber nicht Sylvia war am anderen Ende der Leitung sondern Jutta. Sie sollte ihm ausrichten, dass Sylvia die Nase voll hatte und in den nächsten Tagen ihre Sachen aus der Wohnung holen würde.

Den Rest der Nacht verbrachte Mikael damit, im Selbstmitleid zu ertrinken, zwei, drei Bier halfen ihm dabei.

 

Wieder klingelte es an der Tür, dieses Mal lauter und energischer… ja, schon fast aggressiv.

 

„Ja, bin ja schon unterwegs“, sprach er eher zu sich selbst, als dass es jemand hören konnte.

Es war ja nicht nur das Thema heiraten gewesen, nein auch sein Job, und seine Art das Leben zu meistern, waren immer wieder ein Schreitthema zwischen Sylvia und ihm gewesen. Er sollte sich endlich einen „richtigen“ Job suchen, oder noch besser, das Angebot ihres Vaters annehmen und in dessen Firma als Account Manager arbeiten. Klar, er hätte eine geregelte Arbeitszeit und würde jeden Monat sein Geld bekommen, aber lieber würde er die Toiletten am Hauptbahnhof putzen als irgendwo im Büro irgendwelche Akten von einem Regal in ein anderes zu sortieren, und bei seinem Schwiegervater in spe schon gar nicht. Für den war er immer nur der Loser gewesen, der sein Leben lang nichts auf die Reihe gekriegt hatte. Jeden Tag würde er sich anhören müssen, dass er im Grunde genommen ein Nichts ist und froh sein kann, dass er bei ihm arbeiten durfte. Darauf konnte er getrost verzichten. Er glaubte an seine Detektei, und wollte diese auf keinen Fall aufgeben.

Ok, bis jetzt war sein größter Triumph, die erfolgreiche Aufklärung einer „Hundeentführung“. Frauchen war sich ganz sicher gewesen, dass ihr Ex ihren Fiffi entführt hatte; es stellte sich jedoch heraus, dass Fiffi ein Leben bei dem Ex vorzog, und immer wieder aus freien Stücken zurücklief. Auf seine Entlohnung wartete er bis heute.

 

Wieder schellte die Türglocke.

 

„Ja, ja, ich komme ja schon“, rief Mikael, dieses Mal lauter und mittlerweile war er auch leicht gereizt. Er hatte nicht nur Kopfschmerzen, die Frau an der Tür war auch noch überpünktlich, der Termin war erst um zehn Uhr und jetzt, jetzt war es gerade einmal viertel vor zehn.

Er lief durch die Wohnung. Um die Unordnung dahinter zu verbergen, schloss er die Türen von Wohn- und Schlafzimmer. Er schaute sich noch einmal im Flur um, und ging ins Büro. Aber auch hier sah es nicht besser aus. Es war der kleinste Raum in der Wohnung, ein alter Küchentisch diente als Schreibtisch, ein paar Holzregale aus dem Baumarkt standen an der Wand, und mit den beiden Stühlen vor, und dem Sessel hinter dem Tisch, war der Raum auch schon fast überfüllt. Mit der Zeit war das Zimmer mehr und mehr zur Abstellkammer umfunktioniert worden, vollbepackte Kisten stapelten sich auf den Fußboden und in den Regalen, in der einzigen noch freien Ecke des Raumes stand ein Wäscheständer mit frischgewaschener Wäsche, und ein Wäschekorb mit schrankfertiger Wäsche gleich darunter. Viel konnte er hier auf die Schnelle ohnehin nicht ausrichten, also ging er zur Wohnungstür und öffnete sie.

 

Vor der Tür stand eine Frau mittleren Alters. Die Jeans in die Stiefel gesteckt, die gesteppte Winterjake reichte ihr bis zur Hüfte, die roten Haare waren hochgesteckt und das Gesicht dezent geschminkt. Sie wirkte, im Gegensatz zu Mikael, frisch und ausgeschlafen. Belustigt schaute sie den Mann, der ihr im Bademantel die Tür öffnete, von oben bis unten an.

 „Herr Rosenbaum?“ fragend sah sie ihn an.

„Ähm, ja“, Mikael war immer noch nicht ganz bei der Sache.

„Guten Morgen Herr Rosenbaum, Rosalie Steingarten, wir hatten telefoniert“, stellte sich die Frau vor, und gab ihm die Hand.

„Ja, guten Morgen Frau Steingarten“, immer noch neben sich stehend, gab auch Mikael ihr die Hand. „Bitte entschuldigen Sie, aber ich bin erst spät ins Bett gekommen, und bin gerade erst wieder aufgewacht“, noch nie war ihm etwas peinlicher als dieser Moment.

„Hübscher Bademantel“, war die kurze und knappe Antwort seines Gegenübers.

Ohne sich über ihre Antwort weitere Gedanken zu machen, bat er sie herein und beide gingen durch den Flur ins Büro. Er hatte noch schnell ein paar alte Akten verteilt, um wenigstens den Anschein einer gutgehenden Detektei zu erwecken, jetzt nahm er wieder einige vom Stuhl und bot ihr den Platz an.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten, einen Kaffee vielleicht? Ich habe gerade einen aufgesetzt“.

Sichtlich amüsiert sah Rosalie zu Mikael herauf. „Ein Kaffee, das ist eine gute Idee“.

„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich einen.“ Er ging in die Küche und kam kurz darauf mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee zurück, die er ihr ohne ein weiteres Wort reichte.

Rosalie nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, „Wow, da mag es aber jemand stark.“

Mikael schaute sie an, als hätte sie mit ihm in einer unbekannten Sprache gesprochen.

„Haben Sie vielleicht etwas Milch und Zucker?“, Rosalie war immer noch amüsiert.

„Oh ja, entschuldigen Sie, Milch und Zucker natürlich. Ich hole Ihnen Milch und Zucker.“

„Das ist wirklich nett, danke.“

Mikael verließ das Büro und kam bald darauf mit einem kleinen Tablett zurück, neben der Milch und dem Zucker standen noch die Kanne mit dem Kaffee und ein Teller mit Keksen darauf. Es waren die Reste von gestern, Sylvia hatte sie für den Nachmittagskaffe geholt, ihre Eltern hatten sich extra die Zeit genommen, um ihrer einzigen Tochter zum Geburtstag zu gratulieren.

Als Rosalie ihren Kaffee mit Milch und Zucker „entschärft“ hatte, lehnte sie sich zurück und musterte ihn noch einmal von oben bis unten. Es dauerte einen Moment, bis Mikael begriff, dass er immer noch im Bademantel dastand. Und nicht nur das, als er an sich herunter sah, sah er, dass er in der ganzen Hektik den Bademantel von Sylvia gegriffen hatte, und dass er mit den viel zu kurzen Ärmeln und in dem rosa farbenden Plüschstoff ziemlich „albern“ aussah.

„Ähm, ja“, er schaute Rosalie mit einem peinlichen Lächeln an. „Ich glaube, ich sollte mich etwas frisch machen und mir etwas Passenderes überziehen. Wenn sie mich noch einmal zehn Minuten entschuldigen würden.“

Rosalie nickte immer noch schmunzelnd, und er verließ das Büro in Richtung Badezimmer.