Anja Mellies

Autorin
 





Paperback           ISBN: 978-3-7469-1760-3              9,99 € 

Hardcover            ISBN: 978-3-7469-1761-0            18,99 €

e-book                  ISBN: 978-3-7469-1762-7             5,99 €


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 Leseprobe

Als wir nach unserer Ankunft in Frankfurt den Gerichtssaal betraten, stand Helena bereits vor ihren Anklägern. Sie hatte lange rote Haare, die sie unter einer Haube versteckte. Ihr zierlicher, fast noch kindlicher Körper war von einem einfachen Leinengewand bedeckt. Sie war eine begehrenswerte junge Frau. Man warf ihr vor, mit Hilfe des Teufels ihren Herrn, einen geachteten Kaufmann, verführt zu haben. Die Anklage stützte sich auf die Aussage der Ehefrau, die gesehen hatte, wie ihr Mann am frühen Morgen die Kammer ihrer Magd verließ.

Die Verteidigung des Kaufmannes lautete, dass er, wann immer er das Zimmer seiner Bediensteten betrat, unter einem Zwang gehandelt hatte, dass er gegen seinen eigenen Willen den Geschlechtsakt mit ihr vollzog. Er behauptete, dass er selbst gesehen habe, wie Helena sich einem Dämon hingab; seiner Aussage nach einem Geschöpf mit schwarzen, knochigen Flügeln und spitzen Zähnen, dessen Krallen sich tief in Helenas Haut gebohrt hatten, während sie wollüstig Luzifer huldigte.

Auch am heutigen Tage bin ich mir sicher, für die Anwesenden stand Helenas Schuld außer Frage und das Urteil war bereits gesprochen, bevor die Verhandlung begann. Der Ankläger, ein Mann von hohem Stand, würde sich niemals freiwillig zu einer niederen Magd legen, da konnte nur Hexerei im Spiel sein. Trotz der Folter beteuerte Helena tagelang ihre Unschuld. Sie blieb bei ihrer Aussage, dass ihr Herr nie unter Zwang gehandelt habe, dass sie ihm nie einen Anlass gegeben habe, in ihr Zimmer zu kommen. Sie beschwor, nie mit dem Teufel intim gewesen zu sein und beteuerte, nur zu Gott zu beten. Sie sagte aus, dass ihr Herr in ihr Zimmer komme, wann immer es ihm gefiel. Aber mit jedem Wort, mit dem sie ihren Herrn beschuldigte, sich an ihr vergangen zu haben, wurden die Torturen der Folter heftiger. Und als sie am vierten Tag unter entsetzlichen Schmerzen ihre Schuld gestand, war ihr Körper von der Folter furchtbar gezeichnet.

Bis zu Helenas Hinrichtung vergingen weitere sieben Tage. Die Tage verbrachte ich an Bartholomeus’ Seite, die Abende in der mir zugewiesenen Kammer. Ich suchte nach Erkenntnissen, die die Zweifel, die in mir wuchsen, entkräfteten. Ich las in der Bibel von der Nächstenliebe und der Vergebung, aber auch von der Denunzierung des Satans und seiner Anhänger. Mir fielen die Worte meiner Mutter wieder ein, die in jedem nur das Gute gesehen und versucht hatte, auch mich in diesem Glauben zu erziehen. Aber auch die Erinnerungen an die Zeit, in der ich am eigenen Leibe erfahren hatte, dass der Mensch sich selbst der Nächste ist, kamen wieder.

Bis zur Hinrichtung hatte man Helenas Wunden gereinigt und zum Verheilen gebracht, hatte ihr zu essen und zu trinken gegeben, sodass ihr Körper sich erholt hatte. Noch immer haderte ich mit ihrem Schicksal. Denn auch ich bin ein Mann und kenne die Anziehungskraft, die eine Frau wie Helena auf Männer ausübt; wieso sollte es bei einem angesehenen Kaufmann anders sein? In der Nacht vor Helenas Hinrichtung sprach ich gegenüber Bartholomeus meine Zweifel aus. Er ermahnte mich, Obacht zu geben. „Das Böse will durch das Laster der Wollust auch deine Seele und deinen Leib schwächen, um dich auch mit anderen Lastern zu verführen. So will er dich vom rechten Weg abbringen und in die Dunkelheit der Sünde führen“, hatte er mir erklärt.

Er selbst lehrte mich, dass der Teufel nur mit der Zustimmung Gottes zu handeln vermag. An jenem Abend fragte ich ihn, ob es nicht so sei, dass Satan die Macht über den Menschen mit Gottes Zustimmung ausübt. Und wenn Satan mit Gottes Zustimmung handelte, sei es denn nicht an Gott, zu richten?

Die Inquisition handele in Gottes Namen und wir seien es, die seinen Willen auf der Erde vertreten, hatte Bartholomeus unser Handeln verteidigt.

Zu jener Zeit war es, dass ich zu zweifeln begann. Ich verstand nicht, dass ein Mensch, der unter dem Willen Satans steht, für seine Taten brennen muss, wenn Satan doch mit Gottes Zustimmung handelt.

Für Bartholomeus stand die Gerechtigkeit eines Schuldspruchs außer Frage. Selbst als ich ihn auf die Schmerzen der Folter hinwies, bestand er darauf, im Recht zu sein. Er hielt daran fest, dass Gott es nicht zulassen würde, dass jemand unschuldig verurteilt wird. Wären die Menschen ohne Schuld, könnte ihnen die größte Qual nichts anhaben, war die Aussage, mit der unser Gespräch endete.

Als der Morgen graute, wusste ich, ich konnte Helena nicht vor dem Feuer der Inquisition retten. Alles, was ich für das Mädchen tun konnte, war, Gott zu bitten, ihrer Seele gnädig zu sein und ihr einen schnellen Tod zu schenken.

Bartholomeus ermahnte mich, mich nicht vom rechten Weg zu entfernen. Aber ich wusste auch ohne die versteckte Drohung meines Meisters, dass mein Denken gefährlich war. Schon ein falsches Wort kann aus dem Ankläger einen Angeklagten machen.

Als wir nach unserer Ankunft in Frankfurt den Gerichtssaal betraten, stand Helena bereits vor ihren Anklägern. Sie hatte lange rote Haare, die sie unter einer Haube versteckte. Ihr zierlicher, fast noch kindlicher Körper war von einem einfachen Leinengewand bedeckt. Sie war eine begehrenswerte junge Frau. Man warf ihr vor, mit Hilfe des Teufels ihren Herrn, einen geachteten Kaufmann, verführt zu haben. Die Anklage stützte sich auf die Aussage der Ehefrau, die gesehen hatte, wie ihr Mann am frühen Morgen die Kammer ihrer Magd verließ.

Die Verteidigung des Kaufmannes lautete, dass er, wann immer er das Zimmer seiner Bediensteten betrat, unter einem Zwang gehandelt hatte, dass er gegen seinen eigenen Willen den Geschlechtsakt mit ihr vollzog. Er behauptete, dass er selbst gesehen habe, wie Helena sich einem Dämon hingab; seiner Aussage nach einem Geschöpf mit schwarzen, knochigen Flügeln und spitzen Zähnen, dessen Krallen sich tief in Helenas Haut gebohrt hatten, während sie wollüstig Luzifer huldigte.

Auch am heutigen Tage bin ich mir sicher, für die Anwesenden stand Helenas Schuld außer Frage und das Urteil war bereits gesprochen, bevor die Verhandlung begann. Der Ankläger, ein Mann von hohem Stand, würde sich niemals freiwillig zu einer niederen Magd legen, da konnte nur Hexerei im Spiel sein. Trotz der Folter beteuerte Helena tagelang ihre Unschuld. Sie blieb bei ihrer Aussage, dass ihr Herr nie unter Zwang gehandelt habe, dass sie ihm nie einen Anlass gegeben habe, in ihr Zimmer zu kommen. Sie beschwor, nie mit dem Teufel intim gewesen zu sein und beteuerte, nur zu Gott zu beten. Sie sagte aus, dass ihr Herr in ihr Zimmer komme, wann immer es ihm gefiel. Aber mit jedem Wort, mit dem sie ihren Herrn beschuldigte, sich an ihr vergangen zu haben, wurden die Torturen der Folter heftiger. Und als sie am vierten Tag unter entsetzlichen Schmerzen ihre Schuld gestand, war ihr Körper von der Folter furchtbar gezeichnet.

Bis zu Helenas Hinrichtung vergingen weitere sieben Tage. Die Tage verbrachte ich an Bartholomeus’ Seite, die Abende in der mir zugewiesenen Kammer. Ich suchte nach Erkenntnissen, die die Zweifel, die in mir wuchsen, entkräfteten. Ich las in der Bibel von der Nächstenliebe und der Vergebung, aber auch von der Denunzierung des Satans und seiner Anhänger. Mir fielen die Worte meiner Mutter wieder ein, die in jedem nur das Gute gesehen und versucht hatte, auch mich in diesem Glauben zu erziehen. Aber auch die Erinnerungen an die Zeit, in der ich am eigenen Leibe erfahren hatte, dass der Mensch sich selbst der Nächste ist, kamen wieder.

Bis zur Hinrichtung hatte man Helenas Wunden gereinigt und zum Verheilen gebracht, hatte ihr zu essen und zu trinken gegeben, sodass ihr Körper sich erholt hatte. Noch immer haderte ich mit ihrem Schicksal. Denn auch ich bin ein Mann und kenne die Anziehungskraft, die eine Frau wie Helena auf Männer ausübt; wieso sollte es bei einem angesehenen Kaufmann anders sein? In der Nacht vor Helenas Hinrichtung sprach ich gegenüber Bartholomeus meine Zweifel aus. Er ermahnte mich, Obacht zu geben. „Das Böse will durch das Laster der Wollust auch deine Seele und deinen Leib schwächen, um dich auch mit anderen Lastern zu verführen. So will er dich vom rechten Weg abbringen und in die Dunkelheit der Sünde führen“, hatte er mir erklärt.

Er selbst lehrte mich, dass der Teufel nur mit der Zustimmung Gottes zu handeln vermag. An jenem Abend fragte ich ihn, ob es nicht so sei, dass Satan die Macht über den Menschen mit Gottes Zustimmung ausübt. Und wenn Satan mit Gottes Zustimmung handelte, sei es denn nicht an Gott, zu richten?

Die Inquisition handele in Gottes Namen und wir seien es, die seinen Willen auf der Erde vertreten, hatte Bartholomeus unser Handeln verteidigt.

Zu jener Zeit war es, dass ich zu zweifeln begann. Ich verstand nicht, dass ein Mensch, der unter dem Willen Satans steht, für seine Taten brennen muss, wenn Satan doch mit Gottes Zustimmung handelt.

Für Bartholomeus stand die Gerechtigkeit eines Schuldspruchs außer Frage. Selbst als ich ihn auf die Schmerzen der Folter hinwies, bestand er darauf, im Recht zu sein. Er hielt daran fest, dass Gott es nicht zulassen würde, dass jemand unschuldig verurteilt wird. Wären die Menschen ohne Schuld, könnte ihnen die größte Qual nichts anhaben, war die Aussage, mit der unser Gespräch endete.

Als der Morgen graute, wusste ich, ich konnte Helena nicht vor dem Feuer der Inquisition retten. Alles, was ich für das Mädchen tun konnte, war, Gott zu bitten, ihrer Seele gnädig zu sein und ihr einen schnellen Tod zu schenken.

Bartholomeus ermahnte mich, mich nicht vom rechten Weg zu entfernen. Aber ich wusste auch ohne die versteckte Drohung meines Meisters, dass mein Denken gefährlich war. Schon ein falsches Wort kann aus dem Ankläger einen Angeklagten machen.



 
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