Anja Mellies

Autorin
 


Berlin 2016


Dieses mal wollten wir nicht nur  Freunde und deren Familien besuchen, nein, wir wollten uns in Berlin ein  schönes Wochenende mit Museumsbesuchen und allem Drum und Dran machen. Und wenn  ich heute hier sitze und dieses Wochenende Revue passieren lasse, muss ich  sagen, wir hatten das volle Programm.
Die Fahrt hatte an jenem Freitag  besonders lange gedauert und es war bereits kurz nach zwanzig Uhr, als wir  endlich in Berlin ankamen. Schuld war die Empfehlung eines Kunden. Er hatte  Harry, meinem Mann, von einer anderen viel kürzeren Strecke erzählt. Laut Navi  war die Strecke wirklich kürzer. Aber was sowohl das Navi als auch der Kunde   vergessen hatten zu erwähnen war, dass die Strecke hauptsächlich über   Landstraßen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h führt und an jedem Haus  die Geschwindigkeit auf 50 km/h gesenkt werden muss. Obwohl wir nicht mit  Fiede, unserem Caravan, sondern mit Harrys neuem Auto gefahren sind, hat die  Fahrt über fünf Stunden gedauert. Mittlerweile war ich müde und fürchtete, dass  sich mein Immunsystem auf eine Grippe eingestellt hatte.

Als wir endlich am Ziel waren, dauerte es   nicht lange und wir gingen zum schlafen ins Gästezimmer gingen.

Am nächsten Morgen bestätigte  sich meine Ahnung. Ich hatte eine Erkältung. Sie würde sich in den nächsten  Tagen zu einer heftigen Grippe ausweiten, aber das wusste ich zu diesem  Zeitpunkt noch nicht. Hätte ich es gewusst, wären wir garantiert wieder nach  Hause gefahren und ich hätte euch nichts über unserem Abenteuerurlaub in Berlin  erzählen können.

Trotz Erkältung war ich damit  einverstanden, zur Museumsinsel zu fahren. Auch wenn Harry sich sträubte, ich  überzeugte   ihn, mit der S-Bahn dorthin zu fahren. Man sollte  wissen, wann immer ich mit einem Auto durch Großstädte fahre, bin ich gestresst  und zeitweise gerate ich sogar in Panik.
              Auf dem Weg zur S-Bahn schaute  Harry mich an und meinte: „Sollen wir wirklich fahren? Willst du nicht lieber  nach Hause?“
              Mein Innerstes schrie „Ja!“ Ich  sagte nur: „Nee, lass mal, es wird schon gehen.“ Ich wusste, dass Harry  unbedingt einmal zur Museumsinsel wollte. Und wenn wir schon einmal hier sind!
              Auf dem S-Bahnhof standen wir vor  unserer ersten großen Aufgabe. Man hatte uns etwas von einem Sparticket  erzählt. Nun standen wir am Fahrkartenschalter und wussten nicht, wo wir mit  der Suche nach diesem Sparticket beginnen sollten. Es regnete und der Wind war  kalt. Noch bevor wir das Ticket endlich gezogen hatten, hatte ich das Gefühl, durch meine Adern würde Eiswasser fließen. So kalt war mir. Als es dann endlich  soweit war, dass wir wussten, welches Ticket gemeint war, verließ unsere S-Bahn  gerade den Bahnhof und wir mussten zwanzig Minuten auf die nächste warten.
              Das erste Mal, dass ich das  Brandenburger Tor live sah, war der Moment, in dem wir die Straße überquerten,  um von der S-Bahnstation zu der Bushaltestelle zu kommen, von der unser Bus zur   Museumsinsel weiterfährt. Es regnete in Strömen. Wir liefen hinauf zur Bushaltestelle  und dort stand auch schon unser Bus.
  „Komm schnell, sonst ist der auch  noch weg!“, rief Harry mir zu. Aber wir schafften es. Wir standen vor dem Bus  mit der Nummer 100, dem Bus, der uns zur Museumsinsel bringen sollte. Um auf  uns aufmerksam zu machen, klopfte Harry mit Nachdruck an die Scheibe. Der  Busfahrer schaute zu uns rüber. Harry gab ihm Handzeichen, dass wir mitwollten   und er die Tür aufmachen soll. Ich denke mal, es waren ungefähr 4 bis 5 Sekunden, die uns der Busfahrer anstarrte, als würen wir von einen anderem  Stern, dann nahm er sein Mikrofon in die Hand, sprach etwas hinein, was wir  außerhalb des Busses nicht hören konnten, schaute noch einmal zu uns herüber  und fuhr weg.
              Der nächste Busfahrer zeigte uns,  dass es in Berlin auch anders geht. Wir stiegen ein und Harry erzählte ihm, was  gerade passiert war. Seine Reaktion bestand aus einem kurzen Satz: „Tja, das   ist Berlin.“ Er nahm unsere Tickets,  schaute sie an, schaute uns an und meinte: „Tja, und die sind hier in der  Innenstadt gar nicht gültig.“
  „Na toll, und wo bekommen wir  welche her, die auch hier in der Innenstadt gültig sind?“ fragte Harry
  „Am Schalter“, meinte der  Busfahrer trocken. „Aber gehen Sie mal nach hinten durch, heute wird bestimmt  keiner kommen, der kontrolliert.“
              Wir waren dankbar und gingen nach  hinten.
              Auf der Museumsinsel kauften wir  zwei Tickets für die gesamte Anlage. Wir begannen unseren Rundgang im Alten  Museum. Es war wirklich toll. Aber schon da merkten wir, dass wir die gesamte  Insel nicht schaffen werden. Mir war übel, der Husten und die Kopfschmerzen   wurden immer schlimmer und auch Harry war erschöpft. Jetzt merkte man, dass er  nach seinem Herzinfarkt und seinem Schlaganfall noch nicht wieder ganz stabiel  war. Aber wenn wir schon einmal hier waren, wollten wir wenigstens ins  Pergamonmuseum. Die Schlange, die sich vor den Türen des Museums gebildet  hatte, sah gar nicht so lang aus. Wir stellten uns hinten an. So viele  Menschen, wie das Museum verließen, wurden auch wieder hereingelassen. Bis wir  endlich an der Reihe waren, war eine Dreiviertelstunde vergangen. Dieses Museum  war toll, aber an diesem Tag wollten weder Harry noch ich weiter. Ich fühlte  mich, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Wir wollten zurück. Hinein in die warme und trockene Stube, uns aufs Sofa setzen und,  bevor wir ins Bett gehen, vielleicht noch ein bisschen klönen.
              Nun war da ja noch das Problem  mit der Fahrkarte. Und wie kann man ein solches Problem besser lösen, als mit  dem Busfahrer? Wir gingen also zurück zur Bushaltestelle und lernten an jenem  Tag den dritten Berliner Busfahrer kennen. Dieses Mal waren wir nicht alleine.   Bei uns standen ein älteres Pärchen und eine Familie mit zwei kleinen Kindern  an der Haltestelle. Um die Fahrgäste nicht warten zu lassen, hielten wir uns  zurück und betraten den Bus erst, als alle drinnen waren. Als Harry den Fahrer  auf unser Problem ansprach, erklärte dieser vollkommen gereizt: „Jetzt nicht,  ich habe schon 8 Minuten Verspätung! Ich kann mich doch nicht um alles kümmern!  Da hätten Sie sich draußen erkundigen müssen." Aber noch bevor wir den  Wagen wieder verlassen konnten, schlossen sich die Türen und der Fahrer gab  Gas. Und wir fuhren zum zweiten Mal schwarz. Wieder waren wir überwältigt von  der Berliner Freundlichkeit.
              Aber nichts desto trotz kamen wir  wieder zum Brandenburger Tor. Wir gingen hinunter in die S-Bahnstation und  direkt im Eingangsbereich fanden wir auch einen Ticketschalter. Aber wie   bekamen wir nun raus, welches die richtige Karte war? Dort gab es so viele Angebote  für so viele Strecken. Bis wir endlich wussten, welches Ticket das richtige  war, verging wieder viel zu viel Zeit und die Stimmung war mittlerweile ein  wenig gereizt.
              Nun wussten wir ja, welche  Tickets wir brauchten, nun mussten wir sie nur noch kaufen.
              Der erste Versuch, den mein Mann  unternahm, war die Bezahlung mit einem 50-Euroschein. Der Automat nahm diesen  Schein aber nicht an. In der Zwischenzeit hatte sich ein älteres Paar neben  Harry gestellt und schien ebenfalls Probleme mit dem Automaten zu haben.   Genervt steckte Harry den 50-Euroschein wieder zurück ins Portmonee und versuchte es mit Kleingeld. Er hatte das Geld gerade in den Automaten gesteckt,  als wie aus den Nichts plötzlich mehrere Kinder und Jugendliche um uns herum  liefen. Sie sprachen und riefen durcheinander, hielten mir ein Klemmbrett unter  die Nase, darauf konnte ich ein altes bereits vergilbtes Blatt Papier erkennen.  Einer der Jungen war besonders lästig. Er schubste mich an, drückte mir immer  wieder das Klemmbrett vor das Gesicht und sprach mich in einer Sprache an, die  ich nicht verstand. Ich hatte Kopfschmerzen, mir war übel und als ein einfaches  „Nein“ nicht reichte, war ich so gereizt, dass ich den Jungen anschrie, er soll  gefälligst verschwinden. Er und seine Freunde verschwanden auch genau so  schnell, wie sie gekommen waren, und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Der  Junge konnte ja nichts dafür, dass es mir so schlecht ging.
              Ich schaute zu Harry und mein  schlechtes Gewissen war verschwunden. Er  stand mir gegenüber und schaute ungläubig in seinem Portmonee. Und meinte nur:  "Unser Geld ist weg." Auch das Pärchen, welches eben noch am  Ticketschalter gestanden hatte, war verschwunden. Erst viel später fiel uns  ein, dass sie dort, wo sie gestanden hatten, gar keine Fahrkarten kaufen  konnten. Dort befand sich nur die Seitenwand des Automaten ohne irgendeine  Funktion.
              Ich konnte nicht glauben, was da  gerade passiert war. Je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich  auf die, die uns gerade überfallen hatten. Aber nicht nur auf die, sondern auch  auf mich. Wie konnte ausgerechnet uns das passieren?
              Was sollten wir nun machen? Wir  schauten uns um. Der Bahnsteig war menschenleer, aber ein paar Meter neben uns  befand sich ein Häuschen der Bahnaufsicht. Ich erinnere mich noch an das  Schild, welches auf die Scheibe geklebt war: "Scheuen Sie sich nicht uns   anzusprechen, wir helfen Ihnen gern". Wir gingen zum Häuschen. Zwischen zwei Fenstern befand sich eine Klingel, die Harry betätigte. Aber es tat sich nichts. Hinter dem Fenster  sahen wir eine Frau, die permanent auf ihr Handy schaute. Als wir genauer  hinsahen, erkannten wir, dass sie auf der Seite eines bekannten  Internetanbieters surfte. Harry klingelte erneut, dieses mal mit mehr  Nachdruck. Sie reagierte wieder nicht. Es hatte fast den Anschein, als  versteckte sich die Frau hinter ihrem Handy, ganz nach dem Motto, wenn ich euch  nicht sehe, dann seht ihr mich auch nicht. Erst nachdem Harry mit voller Wucht  gegen die Scheibe schlug, schaute die Frau hoch und sah ärgerlich zu uns  herüber. Aber noch immer machte sie keine Anstalten, uns auch nur ein Stück   ihrer Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen ging sie zu ihrem Mikrophon und  forderte die Fahrgäste der Bahn auf, von den Gleisen zurückzutreten.
              Bevor die Dame sich wieder ihrem  Handy zuwenden konnte, klopfte Harry noch einmal gegen die Scheibe. Sie sah  aus, als hätten wir ihr den Feierabend versaut. Genervt kam sie aus ihrem  Häuschen.
  „Wir sind gerade überfallen  worden", sprach Harry sie an. Irgendwie schienen die Berliner an diesen  Sonnabend besonders schlecht geschlafen zu haben, denn das, was die Dame auf  unser Hilfegesuch antwortete, macht mich heute noch sprachlos.
  „Ja? Da kann ich Ihnen nicht  helfen."
  „Können Sie nicht wenigstens die  Polizei rufen?"
  „Nein, dazu bin ich nicht befugt,  das müssen Sie selbst tun."
  „Sie haben doch da drinnen ein  Telefon, dann können sie doch die Polizei rufen!“
  „Nein, dafür ist mein Telefon  nicht freigeschaltet.“ Und schon war sie wieder in ihrem Häuschen.
              Harry und ich standen perplex auf  dem Bahnsteig. Mittlerweile mit den Nerven am Ende. Erst jetzt fiel uns ein:  was ist mit unseren Handys? Meines lag in der Handtasche, die ich so an meinem   Körper trug, dass niemand, ohne dass ich es merkte, den Reißverschluss öffnen  konnte und Harrys ist bereits so alt, dass sie wahrscheinlich kein Interesse  gehabt hatten, es mitzunehmen. Und irgendwie schaffte Harry es, die Nummer der  Polizei zu wählen.
              Ich hörte, wie Harry ihnen von  dem überfall erzählte. Man sagte ihm, dass sie für so einen Vorfall nicht  rauskommen würden, dass wir zu ihnen kommen müssten.
              Harry fragte, wie man denn zu  ihnen kommt. Wir dachten, es gibt bestimmt auch irgendwo in der Nähe des  Brandenburger Tors eine Polizeistation. Aber Pustekuchen, die nächste Station  war nicht fußläufig zu erreichen. Als Harry fragte, wie wir denn da hinkommen   sollten, sagte man ihm: „Gehen Sie nach oben, nehmen Sie sich ein Taxi und  kommen Sie hierher!“
              Ich konnte hören, wie Harry  darauf antwortete: „Aber ich habe Ihnen doch gerade erzählt, dass wir überfallen  worden sind. Wir haben kein Geld für ein Taxi!“ Mutlos klappte Harry das Handy  wieder zu. Ich konnte sehen, dass es ihm nicht gut ging. Er war verzweifelt,   wollte es aber nicht zugeben.
              Zwischenzeitlich hatte ich es  geschafft, unsere Bekante ans Telefon zu bekommen. Ich erzählte ihr, was geschehen war,  woraufhin sie sich umgehend auf den Weg machte um uns abzuholen. Wir   verabredeten uns auf der Straße direkt über die S-Bahnstation. Nun regnete es  in Strömen und als Sie nach einer halben Stunde bei uns waren,  waren wir bis auf die Haut durchnässt. Gaby war außer sich, als sie hörte, wie  wir erst von der Bahnangestellten und dann von der Polizei abgefertigt wurden.  Sie bestand darauf, dass wir zum einen die Tat anzeigten und zum anderen eine  Beschwerde bei der Polizei abgaben.

Ein paar Wochen später. Harry und  ich saßen in unserem Uelzener Büro als plötzlich das Telefon klingelte. Harry  ging ran und erzählte mir danach, dass es die Sprecherin der Polizei in Berlin  war. Sie hatte ihm mitgeteilt, dass das Verfahren aufgrund der geringen   Erfolgsaussichten eingestellt wurde. Und auch das Verhalten der Polizei war  korrekt. Denn in Berlin ist es halt so.  Sogar sie sei schon einmal überfallen worden.

July 2016


Leseproben

 

-  Und die Engel weinten

-  Linhart - Die wahre Schuld

-   Aus dem Leben meines Vaters


 
cZNj21yO9ubgJDGsF28zTJB94noz0n7fWj8pT49etII